Tessiner Kastanien: Eine runde Sache

Fotos: Tabitha Hughes

Alto Malcantone | Herbstzeit ist Kastanienzeit: Das Tessin ist untrennbar mit der Geschichte der Esskastanie verbunden. Diente sie früher als Lebensgrundlage für die Bevölkerung, ist sie heute Anlass jährlich stattfindender Kastanienfeste und wird als regionale Delikatesse gefeiert. Einer, der in den Kastanienplantagen zwischen Vergangenheit und Gegenwart unterwegs ist, ist Carlo Scheggia Revierförster, Traditionsverfechter und Visionär in einem.

«Hätte ich meiner Frau vor unserer Hochzeit gesagt, dass ich 17 Kastanienbäume mit in die Ehe bringe würde, hätte sie mich sicherlich komisch angeschaut», erzählt Carlo und muss bei dieser Vorstellung selbst ein bisschen schmunzeln. «Aber früher wäre ich damit wirklich eine gute Partie gewesen».

Carlo Scheggia, der 63-jährige Revierförster der Gemeinde Alto Malcantone, klopft mit der Faust gegen den knorrigen Baumstamm einer mehrere Jahrhunderte alten Kastanie. Ich meine einen Ausdruck von Demut und Dankbarkeit in seinem Blick zu erkennen. Mit Sicherheit aber ein Gefühl der Verbundenheit, der Anerkennung und Wertschätzung. «Wenn diese Gesellen reden könnten sie würden uns ganze Familiensagen erzählen». Heute aber reden nicht die Bäume, sondern Carlo. Auf einer gemeinsamen Tageswanderung über den Kastanienweg (Sentiero del Castagno) inmitten der Hügellandschaft des Malcantone, der sanften Voralpenlandschaft westlich von Lugano, erfahre ich alles, was es über die Geschichte der Kastanie in der Region zu wissen gibt und werde von Carlos Leidenschaft für die moderne Bewirtschaftung der Kastanienhaine angesteckt.

Der Kastanienweg zwischen Arosio und Breno ist als 15 km langer Themenweg ausgeschildert, kann aber auch in kleinen Etappen begangen werden, die mit dem Postauto gut miteinander verbunden sind. Er eignet sich für Genusswanderer und Familien ebenso wie für Trailrunner und ist mittels eines Kastaniensymbols auf gelbem Wanderschild sehr gut signalisiert. Insgesamt sieben Informationstafeln erläutern den Anbau, die Verarbeitung und die Verwendung der Kastanie.

Genussvolles Wandervergnügen

Auf idyllischen und zum grossen Teil angenehm schattigen Wegen durch die gepflegten Haine, die Selven, verbindet der Kastanienweg die Ortschaften Arosio, Mugena, Vezio, Fescoggia und Breno. Zusätzlich kombiniert er auch leichtes Wandervergnügen mit kulinarischem Genuss. Denn von der Theorie der Informationstafeln zum gedeckten Tisch voller lokaler Spezialitäten und Kastaniengerichte sind es hier nur wenige Schritte. Ein Abstecher lohnt sich beispielsweise ins Grotto «Sgambada» nahe Arosio oder zum Restaurant «Il Castagno» in Mugena. Duftende Polenta-Suppe mit kräftigem Kastanienaroma, Wildragout an Kastaniensauce oder ein leckeres Kastaniensorbet mit herrlicher herb-süsser Note stehen hier im Herbst auf der saisonalen Speisekarte. Tessiner Rotwein oder ein lokales Craft-Bier aus Kastanienmehl beides rundet die Menüauswahl passend und authentisch ab.

Unsere Wahl, die Terrasse des Restaurants «Il Castagno», liegt im Schatten grosser Kastanienbäume. Die rustikal gestalteten Innenräume sind aus regionalem Kastanienholz. In der kalten Jahreszeit sorgt ein offener Kamin für eine heimelige Atmosphäre. Neben den saisonalen lokalen Spezialitäten macht auch die duftende Steinofenpizza richtig gut satt. Mit leerem Magen muss hier jedenfalls niemand in die Wanderstiefel steigen. Nach einem abschliessenden Café setze ich mit Carlo den Rundweg vom Parkplatz Molino aus fort. Trockensteinmauern ziehen sich über die Wiesen, ein kleiner Gebirgsbach plätschert fröhlich an uns vorbei. An hohen Farnen entlang gehen wir den breiten Wanderweg bergauf und gelangen zu einem schlichten, kleinen Steinhaus: die «Ra Grà», eine Trocknungs- und Räucherkammer. «Früher wurde dies in den Dörfern gemacht», erzählt der Förster. «Vor wenigen Jahren haben wir das Haus aber extra hier errichtet, damit der Rauch niemanden stört».

Bis zu 600 kg Esskastanien bringen Landwirte und Privatpersonen jedes Jahr im Oktober zum Kastanienfest hierher, um sie zu trocknen und zu konservieren. Der riesige Berg findet Platz auf einem Gitter, der das Trockenhaus in zwei Etagen trennt. Während drei Wochen wird das Steinhaus gleichmässig befeuert, um die Kastanien durchzuräuchern. Anschliessend werden die trockenen Kastanien in Jutesäcke gepackt und kräftig auf Holz geschlagen, damit sich die Schale öffnet. Nun kommt die weisse Frucht zum Vorschein und kann weiterverarbeitet werden.

Vom Arme-Leute-Essen zur gefeierten Frucht

Die Geschichte der Kastanie steckt voller Emotionen. Noch bis vor 70 Jahren waren die Bäume im Tessin ein wertvoller Besitz, der vererbt, geteilt, gehandelt oder über den auch mal heftig gestritten wurde. Denn für die Menschen der Region lieferten sie eine wichtige Lebensgrundlage: Die Früchte sind nahrhaft und gesund, das hochwertige Holz wurde für den Bau der Häuser gebraucht, kleinere Äste dienten als Feuerholz. «Mit den Bäumen meiner Familie hatten wir über mehrere Monate hinweg täglich mindestens eine Kastanienmahlzeit», erinnert sich Carlo an seine Kindheit. Das Tessin zählt insgesamt rund 60 Kastaniensorten, über 20 davon sind in der Region Malcantone zu Hause. In einer Plantage in Cademario, unweit des Kastanienweges, können sogar alle im Tessin vorkommenden Sorten bestaunt werden.

«Die Kastanie gehört zu uns wie die sonnigen Sommer und der gute Café», begründet Carlo das grosse Engagement, das er in seiner Funktion als Förster, aber auch wegen seiner persönlichen Leidenschaft für das Brauchtum seit über 30 Jahren an den Tag legt. Da ist es mit einem Kastanienfest natürlich längst nicht getan. Nein, die Pflege der Plantagen ist richtig viel Arbeit: Ein anständiger Kastanienhain muss regelmässig von Buchen und Birken befreit werden, die sich immer wieder in die Wälder drängen. So wächst in den lichten Hainen Gras, das die Landwirte als Kuhweide nutzen können.

Müde, glücklich und immer noch satt erreichen wir am Abend Vezio und ich fahre mit dem Postauto in meine Unterkunft zurück. Nach dieser Tour, finde ich, hat man sich ein Kastanienfest wirklich verdient. An der «Ra Grà» findet dieses immer Mitte Oktober statt, weitere Feste werden auch im Maggiatal und generell im ganzen Tessin organisiert. In wenigen Monaten wird sich Carlo beruflich zur Ruhe setzen. «Aber mein Herz schlägt weiter für die Kastanie», verspricht er. Dann übergibt er die Verantwortung für sein «Kastanienreich» und die Fortsetzung des Kulturguts einem Kollegen. Und kann sich wieder voll und ganz seinen eigenen Bäumen widmen.

Praktisches

Ticino Turismo

Via C. Ghiringhelli 7

C.P. 1441

6501 Bellinzona

+41 (0)91 825 70 56

ticino.ch/kastanie


TICINO TICKET

Alle Gäste, die im Tessin im Hotel, auf Campingplätzen oder in Jugendherbergen übernachten, erhalten ein «Ticino Ticket»: Damit können sie alle öffentlichen Verkehrsmittel im Kanton frei nutzen und erhalten Vergünstigungen bei Bergbahnen, Schifffahrten im Schweizer Seenbecken und touristischen Hauptattraktionen. Das Ticket wird beim Einchecken in der Unterkunft ausgestellt und ist bis Mitternacht des Abreisetages gültig.


KASTANIENWEG

Strecke: 15 km, Höhendifferenz: 626 m

Anspruch: leicht, Dauer: 4-5 Stunden

ticino.ch/hike25

Die An- und Abfahrt ab Lugano und der Transport vor Ort ist mit dem öV sehr gut möglich. Die Anfahrt ins Südtessin ist dank des 2020 eröffneten CeneriTunnels jetzt noch schneller. Auch von Lugano nach Locarno braucht man nur noch knapp 30 Minuten.

Zur Königin des Herbstes


Tessiner Kastanienfeste

Das Kastanienfest des Alto Malcantone findet am 10. Oktober 2021 statt. Das Dorf Moghegno im Maggiatal feiert am 21. Oktober die Beladung und genau drei Wochen später, am 11. November, die Entladung der Grà.


Kastanienwald Pian Piret

Im Hinterland von Lugano liegt das Val Colla. An sein unteres Ende schmiegt sich das Dorf Sonvico in den Sonnenhang des Monte Roveraccio. Hier gibt es einen Themenweg mit 28 Etappen, der auf Etappe 21 den wunderschönen Kastanienwald von Pian Piret quert.


Hotel Restaurant «Il Castagno»

Eingebettet in die sanfte Landschaft des Malcantone ist das Hotel mit rustikalem Restaurant der perfekte Ausgangspunkt für Wanderungen und ein lohnenswerter Zwischenstopp auf dem Kastanienweg. ilcastagno.ch


Grotto «Scambada»

Das traditionelle Grotto serviert Lebensfreude und Esskultur, garniert mit saisonalen und regionalen Produkten wahlweise im grossen Garten oder in der rustikalen Stube. grottoscambada.ch


Erboristi Lendi

Der Traditionsbetrieb ist spezialisiert auf hochwertige, biologische und regionale Produkte, unter anderem Kastanienhonig, Brotaufstrich, getrocknete Kastanienflocken, Chips, Nudeln oder Kastanienmehl. erboristi.ch (eShop)


Casa Santo Stefano

B&B mit liebevoll gedecktem und hausgemachtem Frühstücksbuffet und lauschiger Terrasse. Das Haus wird nach ökologischen Grundsätzen geführt und verkauft zahlreiche regionale Kastanien-Spezialitäten. Lunch-Paket auf Vorbestellung. casa-santo-stefano.ch