Mikroabenteuer Uetliberg: Feierabend mit Feriencharakter

Fotos: Carina Scheuringer und Dani Geiger

Grosse alte Eichen strecken ihre knorrigen Äste in den blauen Himmel. Oben in den breiten Kronen sitzen zwei Raben. Unten wachsen Hagebuchen. Ein Specht sucht nach Insekten. Eine Hohltaube gurrt. Es riecht nach nasser Erde, Harz und Moos. Der Boden knirscht, Zweige knacken. Frühabends ist der Wald voller Leben und Geräusche; die geschäftige Stadt, die uns auf dem Uto Kulm soeben noch zu Füssen lag, scheint nun Welten entfernt.

Noch vor einer Stunde steckten wir Schulter an Schulter im Feierabendverkehr am Zürcher Hauptbahnhof. Dann trug uns die Uetlibergbahn (S10) in 20 Minuten bis knapp unter den Gipfel des «Uetzgis», des Zürcher Hausberges. Oben auf dem Plateau beim Aussichtsturm angekommen, blickten wir hinunter auf das Dächermeer, den See und die Berge. Wir lauschten dem Surren der Zivilisation, dem Brummen der Autos und dem Klicken der Kameras neben uns. Dann fanden wir zwischen den Büschen ein Tor in eine andere Welt. Eine steile Treppe führte steil hinab zu einem schmalen Wanderweg; ein Trampelpfad wenig später direkt hinein ins grüne Dickicht.

Hier stehen wir nun, zwei Stadtflüchter, vor unserem kleinen Feierabend-Abenteuer und lüften unsere Lungen so richtig durch. Die Luft ist rein und klar. Es gibt keinen Abgasgestank, keinen Dieselruss. Auch Stress und Hektik scheinen diesem Naturidyll fremd zu sein. Seit 200 Jahren ist die Albiskette, ein markanter Molassebergrücken zwischen den engen Tälern der Sihl und der Reppisch, nicht nur Rohstofflieferant für die Stadt Zürich, sondern auch Erholungs- und Erlebnisraum für Wanderer, Spaziergänger, Biker, Kletterer, Paraglider und Naturbeobachter. Dementsprechend beliebt sind vor allem an sonnigen Wochenenden die Wege, die von Stallikon, Uitikon und der Stadt Zürich in maximal einer Stunde auf den Gipfel und von dort aus entlang des Grats bis nach Sihlbrugg führen. Besonders in Zeiten wie diesen, wo die grünen Lungen der Stadt einen neuen Stellenwert erhalten haben.

Die jüngsten Einschränkungen haben uns gelehrt, wieder vor der Haustüre lustzuwandeln, anstatt die uns umgebende Natur rein zweckorientiert als Kulisse zu nutzen wie etwa für die Fitness oder zum Gassigehen. Zwischen den Blättern und am Wegesrand entdecken wir nun Schätze, an denen wir zuvor achtlos vorbeigelaufen sind und staunen, wie das Kind neu in uns erwacht. Plötzlich ist die Welt wieder voller kleiner Abenteuer. Und wir packen sie an aufgeregt wie in Kindheitstagen.

Für unsere heutige Nacht unter Sternen brauchen wir nicht viel. Eine Hängematte zum Seele baumeln lassen; Biwak, Matte, Schlafsack und Stirnlampe zum Schlafen, einen kleinen Gaskocher sowie Proviant fürs leibliche Wohl. Beschwingt wippt der kompakte Rucksack auf unseren Schultern. Noch wenige Marschminuten und das Ziel ist erreicht. Vor 1.5 Stunden waren wir noch im Büro. Jetzt schlagen wir mit Sondergenehmigung der Besitzer auf der Spielwiese des Pfadiheims «Alt Uetliberg» unser einfaches Nachtlager auf. Das Gras hinter dem historischen Gebäude ist frisch gemäht. Das Plätzchen bei der Feuerstelle geschützt und beinahe windstill. Eine grüne Eidechse blinzelt neugierig zwischen Holzstämmen hervor.

Wir sind ungewohnte Gäste. Die Klientel des mit über 150 Jahren ältesten Hauses am «Uetzgi» setzt sich normalerweise vor allem aus Pfadis, Jugendgruppen, Schulklassen und Vereinen zusammen. Die Gäste sind Selbstversorger, übernachten kostengünstig in den Massenlagern und beleben die liebevoll gestalteten Aufenthaltsräume sowie die Scheune nebenan. Tagsüber spazieren oder wandern sie gerne zum Beispiel auf die Felsenegg, zum Türlersee oder dem Albispass oder erkunden die umgebende Flora und Fauna.

Zu entdecken gibt es einiges. Das vielfältige Refugium Uetliberg-Albis stellt einen wichtigen Lebensraum für eine reichhaltige und zum Teil bedrohte Tier- und Pflanzenwelt dar. So wertvoll sind die geologischen, biologischen, kulturhistorischen und landschaftlichen Eigenschaften des Gebiets sogar, dass es seit 1983 als Landschaft von nationaler Bedeutung gilt. Eine Schutzverordnung definiert die Verhaltensregeln je nach Zone Gebiet mit Schwerpunkt Erholung, Gebiet mit Schwerpunkt Naturschutz, naturnaher Wirtschaftswald, Naturschutzgebiete und offene Landschaft. So ist beispielsweise das Sammeln von kleinen Mengen an Feuerholz erlaubt; das Feuermachen und Campen ausserhalb der bestehenden, fest eingerichteten Feuerstellen in der Waldschutzzone IVA jedoch untersagt; auch das Pflücken und Sammeln von wild wachsenden Pflanzen und Pilzen ist nur bedingt gestattet und so manche Erkundungstour auf offizielle Wege beschränkt.

Die Regeln einzuhalten, ist wichtig. Nur wenn respektvoll mit den Schätzen der Natur umgegangen wird, können sie für künftige Generationen bewahrt werden. Am Uetliberg-Albisfindet sich beispielsweise eines der grössten natürlichen Eibenvorkommen Europas. Auch zahlreiche Orchideenarten gibt es hier. Dazu einst sehr weit verbreitete Tiere wie Schlingnattern, Berglaubsänger, Geburtshelferkröten und Gelbringfalter, die heute weitgehend aus unserem Gedächtnis verschwunden sind.

Uns bezirzen jetzt die Grillen, während das Wasser im Gaskocher blubbert. Pasta und Pesto haben noch nie besser geschmeckt. Den Hunger gestillt, sammeln wir Holz fürs nächtliche Lagerfeuer und bestaunen wortlos den Sonnenuntergang von der Horizontalen unserer Hängematten. Später sinnieren wir über Gott und die Welt, bis uns die Müdigkeit übermannt. Im Biwak sind wir dann schliesslich jeder für sich alleine. Die Gedanken schweifen ab; verlieren sich in der Geräuschkulisse der Natur. Anfangs nehmen wir jedes Knacken, jedes Rascheln wahr. Später wird das Rauschen der Blätter zum Schlaflied, das uns in die Träume wiegt.

Morgens erwachen wir schon vor den ersten Sonnenstrahlen; unsere Biwak-Logenplätze fürs morgendliche Vogelkonzert. Singdrosseln und Rotkehlchen machen den Auftakt. Später stossen die opulente Flötistin Amsel, die Meise, der Meisterimitator Star und schliesslich der Buchfink hinzu. Ihr fröhliches Zwitschern geleitet unseren Weg bergauf zur Schweizer Familie-Feuerstelle, einem Sonnenfleck frühmorgens mit Tiefblick auf das schlummernde Zürich. Hier stärken wir uns für den rund 1.5-stündigen Gratwanderweg/Planetenweg zur Felsenegg, einem Ausflugsklassiker, der uns zu dieser Stunde fast alleine gehört.

Wir laufen entlang Wälder, Viehweiden und Wiesen, vorbei an nicht signalisierten Pfaden, die sich links und rechts in stiller Einsamkeit verlieren. Kühe muhen; ein Velofahrer grüsst im Vorbeifahren. Von der Grossstadt keine Spur. Erst bei der Felsenegg erspähen wir sie wieder. Auf der luftigen Terrasse liegt uns Zürich ein letztes Mal zu Füssen; in glitzerndes Morgenlicht getaucht. Eine kleine Welt und doch nur eine Seilbahnfahrt entfernt. Bald hat sie uns wieder, unsere Stadt, doch zuerst gibt es zur Feier der kleinen Auszeit noch eine Portion Apfelstrudel. Und damit sind die Miniferien perfekt.

Praktisches


ÜETLIBERG-RUNDE FÜR JEDERMANN

Auch ohne Nacht unter Sternen bietet der Uetliberg eine kleine Auszeit mit grosser Wirkung.

Anreise mit der Uetlibergbahn (S10) ab Hauptbahnhof Zürich in 20 min

Abstecher zum Aussichtsturm Uto Kulm (auf rund 870 m ü. M.; 72 Meter hoch) ca. 10 min

Gratwander-/Planetenweg zur Felsenegg ca. 2 h

Rückfahrt mit der Luftseilbahn Adliswil-Felsenegg (LAF) nach Adliswil und Weiterfahrt mit der SZU bis zum Hauptbahnhof Zürich


Einkehrmöglichkeiten unterwegs: Restaurant Gmüetliberg, Hotel und Restaurant Uto Kulm Bergrestaurant Uto Staffel, Teehüsli Fallätsche, Panoramarestaurant Felsenegg

Dazu gibt es noch diverse Picknickplätze und Grillstellen

Weitere Infos unter zuerich.com


Sihltal Zürich Uetliberg Bahn SZU AG

Wolframplatz 21

8045 Zürich

+41 (0)44 206 45 11

szu.ch


Luftseilbahn Adliswil Felsenegg LAF AG

Zelgstrasse 80

8134 Adliswil

+41 (0)44 206 46 80

laf.ch

PFADIHEIM ALT UETLIBERG


Das ehemalige Bauerngehöft «Alt Uetliberg» ist die älteste Liegenschaft auf dem Uetliberg. Seine Ursprünge sind bis ins 15. Jahrhundert belegt. Seit 1985 wird der «Alt Uetliberg» vom Heimverein Pfadikorps Glockenhof betrieben und wurde 2017 mit viel Liebe renoviert. Heute präsentiert sich das historische Bauernhofensemble mit neuer Küche, neuer Heizanlage, neuen Sanitär-Einrichtungen und einer komplett renovierten Scheune mit Theater-Bühne. Das Pfadiheim ist von der Bergstation Uetliberg in nur 1.5 km und 15-20 Minuten zu Fuss erreichbar. Der Heimverein Pfadikorps Glockenhof (gegründet 1937) stellt seine sechs Pfadiheime in den Kantonen Zürich und St. Gallen primär Gloggi-Pfadis sowie anderen Pfadi- und Jugendgruppen als kostengünstige Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung.


Weitere Informationen zu Übernachtungspreisen und Belegungen unter heimverein-gloggi.ch oder +41 (0)44 463 39 93


Insider-Tipps vom langjährigen ex-Heimgötti und Co-Präsidenten Heimverein Christoph Nussbaumer:

Medikerboden: Auf der grossen Waldwiese sieht man abends öfters Wildtiere

Fallätsche: Die Aussicht auf das fast hochgebirgige Terrain ist eindrücklich von einer Begehung würde ich jedoch abraten. Vielleicht hat man Glück und das altehrwürdige «Teehüsli» (Baujahr 1909) ist wieder geöffnet.

WILDES CAMPEN IN DER SCHWEIZ

TCS: «Von Gesetzes wegen ist das wilde Campen in der Schweiz nicht verboten, aber auch nicht generell erlaubt. Die Bestimmungen über das wilde Campen oder das freie Übernachten im Campervan ausserhalb von offiziellen Campingplätzen werden in der Schweiz kantonal geregelt. Die Hoheit liegt letzten Endes bei den Gemeinden, die eigene Regeln und Verordnungen festlegen. Erkundigen Sie sich immer vor Ort bei der jeweiligen Gemeinde oder bei der örtlichen Polizeistelle, wenn Sie ausserhalb offizieller Campingplätze oder Stellplätze übernachten wollen.» Weitere Informationen unter tcs.ch